home
Kontakt
Verein
Aktivitäten
Dokumentation
Standort Augsburg
Geschichte
Einrichtungen/Bauwesen
Kasernenleben
Namensgebung Einrichtungen
Kultur und Freizeit
Gesellschaft
Links
Sponsoren
Impressum

Besuch aus der Vergangenheit

 

Ukraine, Kriegsende, 1945. Der sechsjährige Roman Korol ist mit seinen Eltern auf der Flucht vor den Sowjettruppen. Er gelangt nach Augsburg und wird in das ukrainische DP-Lager in der Somme-Kaserne interniert. Sein Vater arbeitete dort als Schuldirektor für Flüchtlingskinder. Die Wohnung der Familie befand sich im damaligen Block 2, das ist das mittlere Gebäude der drei an der Sommestraße gelegenen Mannschaftsunterkünfte der Wehrmacht. Im Jahr 1949 übersiedelte die Familie, wie so viele, nach Kanada. Dort lebte Roman Korol in Montreal, bis er im August 2015 zum ersten Mal wieder nach Augsburg reiste. Zielpunkt war wieder die jetzt aktuelle Reese Kaserne, oder das, was noch davon übrig war.

Eine in Kempten lebende Nichte organisierte die Fahrt nach Augsburg. Sie nahm mit Amerika in Augsburg e.V. Kontakt auf und erkundigte sich nach dem Bestand der früheren Somme-Kaserne. Und sie hatte Glück. Der damalige Block 2 stand noch unter der Nutzung des Kulturparks West. Zwei Vereinsmitglieder nahmen sich der einstigen „Displaced Person“ Roman Korol an und führten ihn durch das wenige noch intakte Areal der Reese- (Somme-) Kaserne. Er erkannte seinen Wohnblock und begab sich umgehend in den ersten Stock, wo er auch sofort die Türe zu seiner damaligen Wohnung fand. Nach einem entschlossenen Anklopfen trat die Besuchergruppe ein und fand sich im Maleratelier des Augsburger Künstlers Siegfried Stiller wieder. Dieser war über den überraschenden Besuch äußerst erstaunt, aber auch sehr heiter gestimmt, nachdem er die Vorgeschichte seines Malerateliers erzählt bekam (später wohnten über Jahrzehnte hinweg amerikanische Soldaten in seinem jetzt musisch genutzten Raum). Für Roman Korol war dies ein bewegender Zeitsprung von einst in die Gegenwart. Auch zu den anderen Räumen im Flur konnte er Geschichten von früher erzählen.

Was erlebte er damals mit den Amerikanern? Diese traten nach seinen Worten dort kaum in Erscheinung, denn das DP-Lager wurde über die IRO* selbstverwaltet. Amerikanischen Soldaten war der Zutritt zu den Camps, ebenso wie Deutschen, verboten. Weihnachten jedoch lud die US-Truppe die Kinder zu ihren legendären Christmas-Partys ein, andererseits durften amerikanische Persönlichkeiten an kulturellen Feiern der Ukrainer als Gast zugegen sein. Roman Korol war von 1962 bis 1965 Officer der Canadian Army, Corps of Engineers. Nach dem High School-Abschluß studierte er Elektrotechnik (Engineering) an der McGill University Montreal und wurde eine angesehene Persönlichkeit im Bereich der Architektur und des Gebäudemanagements.

Mit dem ukrainischen Roman Korol kam ein kanadisch geprägtes Amerika zurück nach Augsburg, das kriegsbedingt nur eine kleine Zwischenstation in seinem Leben war. Sie wurde aber nicht vergessen, denn es bestanden durchweg positive Erinnerungen an diese Stadt. Und Maler Stiller wurde von der Vergangenheit unerwartet eingeholt, an einem sonnigen Freitag Vormittag, im DP-Block 2**, Building 51 Reese Barracks. (Text: ML)

* = International Refugee Organisation (Internationale Flüchtlingsorganisation ab 1947, vorher UNRRA).

** Block 2 des DP-Lagers Somme-Kaserne war nicht identisch mit dem späteren U.S. Bldg 2 der Reese Kaserne an der Langemarckstraße.

 

 

Roman Korol (links) und Siegfried Stiller treffen sich unerwartet in der einstigen Wohnung des ukrainischen DP-Schülers. Sie sind aus der gleichen Zeit und dennoch trennen sie Jahrzehnte des Lebens in dem Maleratelier. (Foto: Lohrmann, AiA).

 

 

Am Hauseingang des ehemaligen DP-Blocks 2: In der Mitte Roman Korol, links Thomas Dollrieß und Max Lohrmann (rechts) vom Verein Amerika in Augsburg e.V.  Im Vordergrund eine Begleitperson im Rollstuhl. (Foto: Max Lohrmann, AiA).

Die Geschichte der Displaced Persons

Zahlreiche Augsburger wurden ab1939 zum Kriegsdienst berufen. Die auf die Rüstungsproduktion umgestellten Industriebetriebe als auch zahlreiche Handwerksbetriebe mussten viele Arbeitsplätze unbesetzt lassen. Deshalb wurden mit dem Fortschreiten der Front Kriegsgefangene nach Augsburg verbracht. Damit konnte ein Teil der freien Arbeitsplätze wieder besetzt werden. Doch auch mit Hilfe der Kriegsgefangenen konnte die Produktion in Augsburg nicht lange aufrecht erhalten werden. Deshalb griff man auf zivile Arbeitskräfte aus dem besetzen Ausland zurück. Diese wurden unter Zwang nach Deutschland und Augsburg gebracht und hatten unter teils widrigsten Bedingungen für Augsburger Firmen zu arbeiten.
In der zeitgenössischen Sprache nannte man diese Arbeitskräfte nach ihrem Herkunftsland, z.B. „polnische Arbeiter“ oder „Ostarbeiter“ Auf Grund des äusseren Zwangs werden diese Personen heute als Zwangsarbeiter oder als „forced workers“ bezeichnet. Auch in Augsburg und den später eingemeindeten Nachbarorten – wie Gögingen und Haunstetten – betrugen deren Zahl schätzungsweise weit über 10.000 Personen.

Ab Mai 1945 gab es den Begriff und den Status als Displaced Persons oder kurz DPs. Darunter fielen nicht nur die Zwangsarbeiter, sondern all jene Personen, die infolge des Zweiten Weltkriegs aus ihrer Heimat durch Kriegseinwirkung und deren Folgen geflohen, vertrieben oder verschleppt worden waren. Also auch KZ-Häftlinge, Kriegsgefangene und zivile osteuropäische Arbeiter, die vielleicht auch freiwillig nach Kriegsbeginn die deutsche Wirtschaft unterstützt hatten oder 1944 vor der sowjetischen Armee geflüchtet waren. Eine vergleichsweise kleine Gruppe unter den DPs bildeten in den westlichen Besatzungszonen die 50.000 bis 75.000 jüdischen Überlebenden. Im späteren Gebiet der drei westlichen Besatzungszonen waren ca. 6,5 bis 7 Mio. DPs.

Nach dem Ende von Weltkrieg und NS-Regime konnten die DPs aber meistens nicht sofort nach Hause reisen. Mit dem DP-Status verbunden waren Betreuung, zusätzliche Verpflegung, Kleiderzuteilungen und Unterkunft in eigens dafür eingerichteten Lagern, den DP-Lagern oder "Assembly Centers". Sie entstanden in Krankenhäusern, Sanatorien, Schulen, Industriearbeitersiedlungen, ehemaligen Kasernen, aber auch unmittelbar in Kriegsgefangenen- und Zwangsarbeitslagern,  vereinzelt sogar auf dem Gelände ehemaliger Konzentrationslager.

In Augsburg gab es insgesamt 15 verschiedene zu unterschiedlichen Zeiten betriebene DP-Lager, davon z.B. eines im Servatius-Stift, einem ehemaligen Augsburger Altenheim oder auch in der vormaligen aus dem NS-Regime stammenden Somme-Kaserne und in den im Königreich Bayern errichteten Hindenburg- sowie Prinz-Karl-, später Infanterie-Kaserne.

Wurden der örtlichen Bevölkerung etwa 1.200 Kalorien täglich zugestanden, hatten die DPs in der Regel Anspruch auf mindestens 2.000 Kalorien. Die praktische Umsetzung allerdings hing stark von der allgemeinen Lebensmittellage bzw. den alliierten Nachschubwegen ab. Die Betreuung erfolgte durch die United Nations Relief and Rehabilitation Administration (UNRRA), der International Refugee Organiation IRO und den örtlichen Militärverwaltungen. Erst als die UNRRA den internationalen Hilfsorganisationen (z.B. Rotes Kreuz) ab Herbst 1945 gestattete, in den DP-Lagern tätig zu werden, begann sich die Situation der DPs zu verbessern.

Sie erhielten nicht nur Extrarationen, sondern psychologische Unterstützung, diverse Freizeitangebote und vor allem konnten sie sich frei innerhalb und außerhalb der Lager bewegen. In Augsburg gab es für die aus der Ukraine stammenden DP´s eine eigene Ukrainische Universität. Die Initiative dazu ergriff ein Sprachwissenschaftler. In Augsburger Lagern wurden aber auch Sportveranstaltungen oder eine „Lagerolympiade“ abgehalten.

Ein sowjetisch-amerikanisches Rückführungsabkommen vom 11. Februar 1945 hatte festgelegt, dass alle DPs, die in den zu besetzenden Gebieten vorgefunden wurden, in ihre Heimat zurückgeführt werden sollten. Auch mit Frankreich wurde ein solches Übereinkommen getroffen. Anfangs duldeten die Westalliierten die zwangsweise Rückführung der sowjetischen DPs mit allen Konsequenzen für die Betroffenen, erkannten aber bald die Brisanz der Vereinbarungen und nahmen davon Abstand. Viele DPs fürchteten nämlich Restriktionen in ihrem Heimatland, weil ihnen Kollaboration mit dem Feind vorgeworfen wurde. Die sowjetische Seite hingegen bestand auf dem Abkommen. So kamen z.B. zahlreiche sowjetische Zwangsarbeiter in der UDSSR in lange Lagerhaft. Schließlich legte eine UN-Resolution vom Februar 1946 die Freiwilligkeit der Repatriierung fest. Deshalb entschieden sich viele DPs für die Ausreise in Drittstaaten, z.B. Kanada oder USA. Für die Abwicklung der Rückführungen und Heimkehr gab es auch in Augsburg ein Resettlement-Center.

In den Jahren 2002 und 2003 kamen ehemalige Zwangsarbeiter als der Ukraine und aus Holland im Rahmen eines offiziellen Besuchsprogramm der Stadt Augsburg nochmals nach Augsburg. Oft besuchen aber auch ehemalige DPs Augsburg ganz privat. (Text: GF)

Weitere Informationen:

https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/Displaced_Persons_(DPs)

https://dpcampinventory.its-arolsen.org/

Auf dem Sportfeld der Somme-Kaserne tummeln sich ukrainische Pfadfinder und Jugendliche in ihren Landestrachten. Im Hintergrund einer der Blöcke an der Sommestraße.

Impressum

nach oben