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Die amerikanischen Schulen

 

Mit der dauerhaften Stationierung amerikanischer Truppen konnten die Augsburger Bürger nicht nur die Anwesenheit von Soldaten, militärischen Fahrzeugen und eine ungewohnte Lebensaktivität in den westlichen Stadtgebieten wahrnehmen. Durch den ab 1951 groß angelegten Bau von Wohnsiedlungen und dem angestrebten Zuzug der Soldatenfamilien belebten bald auch Kinder und Jugendliche das Straßenbild im westlichen „Klein Amerika“. Die ethnische Vielfalt der Amerikaner sorgte schon früh für eine ungewohnte Internationalität in der sich im Nachkriegsaufbau befindlichen Stadt, bis hin zu späterer Zeit. Es waren nicht nur uniformierte Soldaten aus verschiedensten US-Staaten da, sondern auch komplette Familien mit ihrer heimatverbundenen Lebensweise.

Mit dem 1951 begonnenen Bau der Centerville Housing Area wurde 1953 - südlich der heutigen Bürgermeister-Ackermann-Straße - eine Dependent Elementary School (Grundschule bis zur 6. Klassenstufe, auch grade school genannt) mit zwei Vorschul-Kindergärten errichtet. Die Schule (Geb. 528, Architekt: Paul Gerne) verfügte damals über alle nur denkbaren Annehmlichkeiten der amerikanischen Lebens- und Schulkultur, insbesondere großzügig angelegte Räumlichkeiten. Schon 1955 mußte ein weiterer Gebäudeflügel im westlichen Teil angebaut werden. 1967 erstellte man erneut Behelfsbauten, die 1977 mit einem großen Elementary School-Neubau in der Cramerton Housing Ersatz fanden (Geb. 581). Dies war u.a. auf die gewachsene Zahl von Zeit- und Berufssoldaten mit Familienangehörigen zurückzuführen, nachdem 1973 die amerikanische Wehrpflicht ausgesetzt wurde. In den schulintensivsten 1980er Jahren befanden sich insgesamt bis zu 1500 Kinder im Grundschuldienst. Die amerikanischen Grundschüler verhielten sich nach Unterrichtsschluß sehr diszipliniert: sie stellten sich vor ihren Klassenzimmern in Zweierreihen auf und marschierten ohne Worte zu ihrem jeweiligen Schulbus.

 

 

Die Schulen in der Augsburger Community: 1= Elementary Centerville, 2= High School, 3= Elementary Cramerton.
Beginn der Elementary School im Centerville, 1953
Der Lese- und Büchereiraum.
Eines der Klassenzimmer.
4. Klasse 1973/74.
5. Klasse 1980
5. Klasse 1989/90
Der Eingangsbereich der Elementary School im Centerville Süd.

 

1955-56 entstand an der Südostecke der Reese Kaserne die neue Augsburg American High School (AAHS) für die Klassenstufen 7 bis 12 (Architekt: Wilhelm Wichtendahl), damals auch als Dependent High School geführt. Sie galt angeblich lange Zeit als eine der führenden amerikanischen Schulen außerhalb der USA und nahm auch Kinder aus den US-Standorten Landsberg, Ulm und Leipheim auf. Hier standen in den 1980er Jahren 50 Lehrkräfte, Schulangestellte und 750 Jugendliche im Unterrichtsdienst. Am Ende sanken die Klassenzahlen bis unter zehn Schüler und Schülerinnen. Die Ausstattung mit Computern und ihre Vernetzung mit verschiedenen Datenbanken war schon frühzeitig eine amerikanische Selbstverständlichkeit. Auch diese Schule (Geb. 591) erfuhr bereits 1961 erhebliche Erweiterungsbauten und Mitte der 1970er Jahre einen inneren Umbau. Das obligatorische amerikanische Flachdach mit einer Abdichtung aus Bitumen-Dachpappe mußte in den 1980er Jahren durch ein wasserdichtes Blechdach ersetzt werden.

Die High School gliederte sich in eine Middle School, Junior High School und die eigentliche Senior High School mit den Klassenstufen 9 bis 12. Sie entsprach einer Dreivierteltagesschule mit Essensverpflegung und Nachmittagsunterricht. Die Klassenbegriffe wurden auch mit „freshmen, sophomores, juniors und seniors“ tituliert. Das High School Diploma konnte je nach Prüfprofil mit einem deutschen Realschulabschluß oder Abitur verglichen werden. Für den Besuch einer deutschen Universität war dieses jedoch nicht ausreichend, dazu wäre ein deutsches Abitur erforderlich gewesen.

Zu den nebenunterrichtlichen Betätigungen zählten insbesondere sportliche Aktivitäten, aber auch kulturelle, handwerkliche und musisch-geistige Fächer (Clubs). Einen hohen Stellenwert nahmen traditionsgemäß die klassischen US-Sportarten wie American Football, Basketball oder Baseball ein.

Die Schulatmosphäre zeichnete sich sowohl durch strenge amerikanische Kontrolldisziplin einerseits, wie aber auch andererseits durch die den Deutschen meist ungewohnte, saloppe amerikanische Lebensart aus. Das Verhältnis zu den Lehrkräften war locker und ungezwungen, ohne autoritäre Mechanismen, aber dennoch respektvoll. Die Schüler verteilten sich nach den jeweiligen Fächern und nicht nach Klassengruppen im deutschen Stile. Vor Unterrichtsbeginn wurde jedoch von den Klassen (grade) eine lehrerfreie Besprechung in einem separaten Raum abgehalten. Die Integration behinderter Kinder war von grundlegender Bedeutung. Da die Lehrkräfte feste Klassenzimmer inne hatten, konnte die räumliche Ausstattung meist unverändert bleiben. Beziehungen und Partnerschaften mit deutschen Schulen waren durchaus üblich, wie z.B. ab 1982 mit dem Augsburger Jakob-Fugger-Gymnasium. Schon Anfangs 1963 spielte die US-Schülerband „The Creatures“ in der Turnhalle des damaligen Realgymnasiums (heute Peutinger Gymnasium) lautstark zu einer deutsch-amerikanischen Faschingsparty auf. Von gegenseitigen Klassenbesuchen wird bereits Mitte der 1950er Jahre berichtet.

Die Anwesenheit der amerikanischen Schulkinder zeigte den Einheimischen bald, daß diese einen hohen gesellschaftlichen Schutz- und Stellenwert einnahmen. Allein der mit eigenen Armee-Schulbussen durchgeführte Transport zwischen Wohnsiedlungen und Schule verdeutlichte das Sicherheitsbewußtsein der Amerikaner, aber auch das autarke Community-Leben. Daß an Haltestellen keiner dieser Busse (von amerikanischen Autos) überholt wurde, war für das deutsche Verkehrsverständnis lange Zeit unverständlich. Ein zivil angestellter Schulbusfahrer erinnerte sich allerdings viele Jahre später noch an das provokante und undisziplinierte Verhalten mancher älterer Schüler, vor allem in der Schlußphase der US-Präsenz. Hier bestand wohl der Generationenkonflikt auf beiden Länderseiten gleichermaßen.

Die Schulen waren nur für die Kinder der aktiven Armeeangehörigen kostenlos. Sobald Soldaten aus der Armee ausschieden, oder auch für Kinder von Zivilangestellten, mußte sehr viel Schulgeld bezahlt werden, selbst wenn sie vor Ort blieben.

Die Abschlußklassen der „Apaches“ (so die Selbstnennung der Schule) fertigten jährlich ein Jahrbuch über die schulischen Clubaktivitäten an, in dem auch jede Schülerin und jeder Schüler mit Foto abgebildet wurde. Die Zeremonien zum Schulabschluß (graduation) erfolgten mit den bekannten blauen Umhängen und Doktorhüten (caps and gowns).

 

 

Titelblatt und Innenseite eines Jahrbuches der Apachen.
Porträtbilder aus dem Jahrbuch 1986.
Bilder aus dem Jahrbuch 1971.
Szenen aus einem Klassenzimmer der High School, 1971.
Musik und Gesang als musische Fächer, 1970/71.
Werkunterricht
Graphische Kunst
Amerikanische Lässigkeit des Studentenlebens, 1986.
Student Councils in Augsburg
Schulausflug 1971 an den Bismarckturm bei Steppach.
Der Schulbus wartet.
Pausenszene vor der High School, 1970er Jahre.
Freizeitvergnügen beim Deutsch-Amerikanischen Volksfest gegenüber der High School.
Weiblicher Schönheitswettbewerb 1971.
Die Apachen erfreuten sich eigener „Bierfilzeln“.
Die Sporthalle der Apachen an der High School, Reese Kaserne.
Im Mai 1976 besuchte der Box-Champion Muhammad Ali u.a. die Augsburg High School.
Graduation 1978, Reese Kaserne.
Schüler und Schülerinnen am Reese Recreation Center.
Lernen für das Leben, auch in Augsburg.
Zeitenwende: Die High School schließt im Mai 1998.
Außer Dienst: die Augsburg American High School (AAHS).
Ein Erinnerungsstein befindet sich auf dem Grünstreifen des Parkplatzes.

 

In der Zeit des eskalierenden Rüstungswettlaufs gab es auch im Raum Augsburg ab Anfang der 1980er Jahre („Reagan-Jahre“) einen damit verbundenen Zuzug vieler Familienangehöriger. Mit der Reduzierung großer Kampfeinheiten zu Gunsten des militärischen Nachrichtendienstes (Field Station Gablingen) veränderte sich daneben die personelle Struktur der anwesenden Truppenkontingente. Dies führte unter anderem auch zu einem speziellen Ausbildungsprogramm an der Augsburger High School, dem JROTC.

JROTC steht für Junior Reserve Officer Training Corps und ist ein staatlich finanziertes Ausbildungsprogramm als Wahlfach, das seit 1916 existiert. Es beinhaltet vormilitärische Ausbildung, sowie Unterricht in Militärgeschichte und Staatsbürgerkunde an High Schools. Die Schüler tragen dort an ein bis zwei Tagen in der Woche Uniform. Das entsprechende Ärmelabzeichen für Augsburg, welches das Maskottchen der Schule darstellt (Indianerkopf), wurde am 20. November 1984 zum offiziellen Tragen freigegeben: „Stärke, Mut und Weisheit“, so der Slogan. Aus dem ROTC-Programm gehen bis heute ungefähr 75% der Offiziere der U.S. Army sowie die Mehrzahl der Generäle hervor.

 

 

 

Im Frühjahr 1992 verlegte die Zweigstelle der University of Maryland ihren Campus von der Münchener McGraw-Kaserne nach Augsburg. Diese Bildungseinrichtung, in München schon vor 1950 begonnen, war für Kinder von in Deutschland und Europa stationierten Armeeangehörigen und Regierungsangestellten eingerichtet worden. Auf Abendkursen konnte hier das College-Niveau erlangt werden. In der Reese Kaserne erwartete man für den Sommer 1992 mindestens 400 Studenten. Doch schon 1994 verlegte die Einrichtung weiter nach Mannheim und verdeutlichte damit die beginnende Auflösung des Standortes Augsburg.

 

Das Reese-Gebäude 46 als erster Unterkunftsort der Maryland University.
Die beiden University-Pavillons am ehemaligen Camp des Labor Service.

 

Für die amerikanischen Kinder und Jugendlichen bedeute der Lebensabschnitt Augsburg eine besondere bleibende Erinnerung, wie dies in sozialen Netzwerken heute zu erkennen ist. Auch noch nach Jahrzehnten kommen Augsburger US-Amerikaner, die ehemaligen „Apaches“, zu ihrer einstigen Schulstätte zurück, die in ihnen unvergeßliche Lebensspuren hinterlassen hat.

(Die erste Elementary-Schule im Centerville Süd besteht heute noch - modernisiert und beeindruckend gestaltet - als Grund- und Mittelschule für das Einzugsgebiet der ehemaligen U.S. Housing Areas. An Stelle der abgerissenen Elementary-Schule im Cramerton befindet sich heute ein kirchliches Gemeindezentrum. Die High School wurde zu einem Zentrum für Gehörgeschädigte umgebaut).

Zahlreiche Bilder stellten die Facebook-Gruppen der Schulen bereit.

 

 

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