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Augsburg in Amerika: Ein Reisebericht

 

Tagebucheintragung einer 18jährigen Landsbergerin:

"Mitte Mai 1950, ich war gerade beim Bügeln, da kam Frl. Griener, die Leiterin der ländlichen Hauswirtschaft, zu uns auf den Bauernhof nach Sandau. Sie fragte mich, ob ich nicht Lust hätte für ein Jahr nach Amerika, in die U.S.A. zu fahren. Von der Militärregierung wurden Mädchen gesucht, die etwas englisch konnten und aus der Landwirtschaft stammten.

Der Aufenthalt sollte der Völkerverständigung nach dem Kriege dienen. Die Reise wurde vom dortigen Farm Bureau, einer landwirtschaftlichen Vereinigung finanziert und vom American Field Service organisiert. Ich hatte schon Lust. Vater ermutigte mich auch. Ich rechne ihm das heute noch hoch an, denn er hätte mich dringend zuhause im Haushalt gebraucht."

 

Danach begann eine abenteuerliche Reise ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Margarete Weber, die später in Augsburg verheiratet war, wagte es nur wenige Jahre nach Kriegsende, sich ins ferne Land einer Siegermacht zu begeben. Reeducation auf andere Weise - Margarete Weber wußte von Amerika so gut wie nichts, was sich umgekehrt später genauso herausstellen sollte. Columbus und Hitler waren so ziemlich die einzigen Kenntnisbegriffe auf beiden Seiten.

Die Hinreise begann am 22. Juni 1950 und endete am 13. Juli in Ripley, Tennessee, Lauderdale County (die nächstgelegene große Stadt ist Memphis in 80 km Entfernung, Anmerk.). Mit einem großen Koffer und wenig Kleidung darin (die Notlage und Armut war auch 1950 noch ausgeprägt) begab sich Margarete Weber in einen amerikanischen D-Zug nach Frankfurt, wo es mit anderen Jugendlichen aus ganz Westdeutschland in einem Sonderzug nach Bremerhaven weiterging. Nach üblichen Bürokratismen, Gepäckkontrollen und ärztlicher Untersuchung bestiegen die Jugendlichen den amerikanischen Truppentransporter "Henry Gibbins". Die Mädchen durften in den Offizierskabinen wohnen, die Jungen mußten mit den Mannschaftsräumen Vorlieb nehmen. Es waren auch Amerikanerinnen mit ihren Kindern an Bord, deren Männer in Deutschland stationiert waren.

 

                                                       Auf dem Schiff: Margarete Weber, Mitte.

 

Die ("ziemlich eintönige") Schiffsreise ging zuerst nach Casablanca und von dort aus über den Atlantik. Zum Mittagessen gab es drei Menüs zur Auswahl. Die Amerikanerinnen ließen sich alle Menüs servieren, aßen jedoch kaum etwas davon. Dies entsetzte Margarete Weber nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren sehr. Am 10. Juli erreichten sie frühmorgens den Hafen von New York, mit Musikempfang vorbei an der Freiheitsstatue. Am späten Nachmittag setzten die Jugendlichen die Reise zum dortigen Greyhound-Bahnhof fort, weiter nach Washington, wo eine Übernachtung erfolgte.

Von 12. bis 13. Juli führte die Busreise ohne Begleitung weiter durch die hügelige Laubwaldlandschaft von Virginia, vorbei an Viehherden, über Nashville nach Columbia, wo Margerete Weber von einem Ehepaar des Farm Bureaus empfangen wurde. Dort fand zunächst ein gemeinsames Frühstück mit einer Zeitungsreporterin statt. Der Gastvater, ein Farmer aus Ripley, holte die junge Landsbergerin zusammen mit einem Bekannten in einem geräumigen Buick ab und gemeinsam fuhren sie an das Endziel der organisierten Völkerverständigung. Die Gastfamilie Brown lebte in einem stattlichen, klassischen Holzhaus im Kolonialstil und nahm sich des schwäbischen Mädchens sehr herzlich an. Die vielen Fragen der ersten Stunden zeigten, daß auch die Amerikaner dort über Deutschland keinerlei Kenntnisse hatten. Natürlich gab es auch Fragen zu Hitler. Zur Familie gehörten auch eine Tochter (14 Jahre) und ein Sohn (18 Jahre).

 

                                                                             Ripley Square

 

                    Links: Margarete Weber und Mr. Brown. Rechts: Die Brown-Villa am Highway 51

 

                                               Links: Mr. Brown auf dem Feld. Rechts: Mrs. Brown

 

Das heiße und feuchte Klima dort war sehr schwierig und es gab keinerlei Klimaanlagen. Schon in den ersten Tagen lebte sich Margarete Weber in den Alltag des Farmerlebens ein, es erfolgten Ausflüge in die Umgebung des Mississippi (10 km Entfernung), die Landwirtschaft lebte von Baumwollanbau, Mais, Sojabohnen, Erdnüssen und Pecan-Nüssen, die dort auch wild wuchsen. Margarete war zu keiner Arbeit verpflichtet, sie half jedoch überall aus, wo es gewünscht oder angebracht war oder einfach nur Spaß machte. Mr. Brown hatte im Ort auch einen kleinen Selbstbedienungsladen, wo sie am Samstag für drei Dollar an der Kasse aushelfen durfte. Diese Einkaufsform war für Margarete Weber neuartig.

Der Gastgeber bewirtschaftete seine Farm nach dem "share cropper"-Prinzip, bei dem andere Farmer Feld, Saatgut und Geräte etc. zur Verfügung gestellt bekamen, die Ernte aber mit ihm teilen mußten. Gleichzeitig kauften sie in Mr. Brown´s Laden auf Kredit ein, was sie am Jahresende bezahlten. Amerikanischer Geschäftssinn, der Margarete Weber völlig neu war. Ein dort lebender Deutschjude freute sich stets über den deutschsprachigen Kontakt mit der jungen Landsbergerin.

Margarete Weber lernte das kulturelle Leben in der ländlichen Gegend kennen, die unterschiedlichen Glaubensrichtungen und Sekten, aber auch das typisch amerikanische Vereinsleben. Am 9. August 1950 war sie auf einem Treffen der "Young Farmers and Homemakers" im 80 Meilen entfernten Martin, wo sie zusammen mit einem anderen Deutsch-Amerikaner vor etwa 100 Besuchern über Deutschland berichten sollten. Die Fragen richteten sich auf das Schul- und Familienwesen, über Vieharten in der Landwirtschaft und deren Fütterung, was in Deutschland von Amerika eingeführt würde und wo man mit jungen Freunden die Freizeit verbrächte. Aber auch Autos und Traktoren waren von Interesse.

 

            Links: Margarete Weber an der Ladenkasse. Rechts: Brown´s Sohn und Margarete Weber

 

                                                         Ehepaar Brown auf Wochenendausflug

 

                                                        Ackerbauszene am Rande von Ripley

 

                                                           Margarete Weber im Baumwollfeld

 

Bereits eine Woche später bei einer Einladung im Rotary Club, dem Gastvater Mr. Brown angehörte, mußte Margarete Weber wieder über Deutschland erzählen und sie erkannte erneut die mangelhaften Vorstellungen der Amerikaner von ihrem Heimatland, sowohl in politischer wie technologischer Sicht. So erkundigte man sich z.B., ob es in Deutschland schon elektrisches Licht gäbe.

Im September besuchte Margarete Weber auch die dortige High School. Sie hatte vier Wahlfächer und fand die Atmosphäre des Schulwesens ebenso angenehm wie die kleinen Klassen von 10 bis 15 Schülern; die Lehrkraft saß mitten unter den Jugendlichen und nicht an einem Pult, wie sie es von zuhause her gewohnt war. Das Auswendiglernen aller amerikanischen Präsidenten war obligatorisch. Auch das Rassenproblem und die Nord-Süd-Staatenproblematik lernte Margarete Weber in mancherlei Hinsicht kennen. Noch gab es dort die Rassentrennung, und die Schwarzen lebten ausschließlich in dürftigen Holzhütten.

Der Herbst 1950 war mit seinen bunt gefärbten Laubbaumlandschaften ein einprägsames Erlebnis für das junge Mädchen. Nach wie vor nahm es an allen nur denkbaren Veranstaltungen des dortigen Kultur- und Gesellschaftslebens teil, insbesondere auch an den Tanzveranstaltungen. Am 13. Dezember hielt Margarete Weber einen freien Vortrag am District Meeting der Future Farmers of America und der Future Homemakers of America über deutsche Landwirtschaft, Schulen und Jugend. Danach wurde sie zum Ehrenmitglied der F.F.A. ernannt und erhielt eine goldene Nadel.

Bei der mid-term examination im Januar 1951 legte Margarete Weber die beste Arbeit der Schulklasse ab. Und immer wieder wurde sie zu Vorträgen über Deutschland eingeladen und fungierte so als Botschafter von Schwaben in den Weiten des amerikanischen Südens. Mitarbeiter des Farm Bureaus kontrollierten auch die Gastfamilien hinsichtlich möglicher Beanstandungen. Eine anberaumte Führerscheinprüfung wurde für Margarete Weber schließlich auch wegen Zeitmangels des Fahrlehrers hinfällig - sie war schlichtweg zu alt dafür (der Autoführerschein wurde dort mit 16 Jahren in der Schule gemacht). Eine Eintragung vom 9.4.1951: "Erhielt von Frau Griener, der Landwirtschaftslehrerin (aus Landsberg, Anmerk.) einen so lieben Brief. Wenn ein Brief von zuhause kam, war das immer ein Fest. Denn manchmal plagte mich schon das Heimweh)". Telefonische Kontakte nach Deutschland gab es nicht.

Die inneramerikanischen Reisen in dieser Zeit reichten von Chikago bis zum Golf von Mexiko (Fahrt zur Schulabschlußfeier). Am 9. Mai 1951 sprach Margarete Weber im Young Farmer and Homemaker Club von Ripley über ihre Eindrücke von den U.S.A. Einen Monat später, im Rotary Club von Mr. Brown, berichtete sie ebenso über ihre Empfindungen des U.S.A.-Aufenthaltes, stieß die Zuhörer aber ziemlich vor den Kopf, als sie die Frage, ob sie für immer in den U.S.A. bleiben wollte, mit "no" beantwortete. "Manche Amerikaner konnten es sich einfach nicht vorstellen, daß man auch außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika leben wollte "(Zitat M.W.).

 

                                                        Mitschülerinnen von Margarete Weber

 

                                                 Auszug des Tagebuches von Margarete Weber   

 

                                                   19. Geburtstag in Ripley von Margarete Weber

 

Die Rückreise erfolgte am 13. Juni 1951 mit der S.S. America bei strömenden Regen von New York aus. Es war ein schönes komfortables Passagierschiff ganz im Gegensatz zum Truppentransporter bei der Hinfahrt. Auf den Tag genau am 22.6.1951 fand Margarete Weber ein Jahr später wieder in Landsberg ein.

Vier Mal noch bereiste die heutige Augsburgerin Amerika. Aber die erste Reise war für sie die abenteuerlichste, welche sie auch als bereichernd für ihr weiteres Leben empfand. Sie wurde stets gut behandelt und empfand keinerlei Ressentiments zur unheilvollen Vergangenheit Deutschlands.

Zur Zeit der Rückkehr Margarete Webers kasernierte in Augsburg das 2nd Armored Cavalry Regiment.

(Die Beschreibungen wurden aus den Tagebuchaufzeichnungen in enger Anlehnung an die persönliche Wortwahl ereignisgekürzt wiedergegeben. Ripley ist immer noch ein typischer Südstaatenort mit rund 4000 Bewohnern. Margarete Weber wohnt heute unter anderem Namen in Augsburg).

 

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